Interview mit Katalin Zanin (Gründerin)

Interview mit „Ich bin O.K.“-Gründerin Katalin Zanin aus „Ein Buch über das andere Tanzen“. Foto: Philipp Horak.
Ich bin O.K.

Auf Augenhöhe 

Interview mit „Ich bin O.K.“-Gründerin Katalin Zanin; Text Verena Randolf


Aus „Ein Buch über das andere Tanzen“ von Horak/Mayr

Als Kind wollte ich heimlich Tänzerin werden, aber das durfte ich nicht. Meinem italienischen Vater war es zu unmoralisch, auf der Bühne zu stehen, seinen Körper zu zeigen, das Ganze vielleicht auch noch voller Leidenschaft. Weil ich eine brave Tochter war, studierte ich stattdessen Medizin, nur: Als ich das erste Mal Blut sah, wurde ich ohnmächtig, da wusste ich, dass ich wohl doch besser etwas anderes mache. Darum habe ich Pädagogik und Psychologie studiert. Bei meinem ersten Praktikum im Spital brachte eine Frau ein Kind zur Welt. Von 1000 Neugeborenen haben durchschnittlich zwei das Down-Syndrom. Eines davon wurde genau in dieser Nacht geboren. Und mir wurde die Aufgabe übertragen, die junge Mutter zu fragen, ob sie ihr Kind mit nach Hause nehmen will. Sie wollte es nicht. Nach dieser Nacht konnte ich nicht mehr aufhören, mich selbst zu fragen, was ich in so einer Situation wohl getan hätte.

Was Katalin Zanin tat? Sie wurde zur Fürsprecherin und gab Menschen, die ihre Bedürfnisse nicht selbst kommunizieren konnten, eine Stimme. Wenige Monate nach diesem Vorfall gründete sie Ich bin O.K., einen Tanzverein für Menschen mit und ohne Behinderung. Hunderten Tänzerinnen und Tänzern ebnete Zanin in den letzten 40 Jahren mit ihrem Engagement den Weg zu mehr Selbstbestimmung. Mit ihrer Vision wurde sie zur Pionierin im Kampf für ein gleichberechtigtes Miteinander.

Im Krankenhaus damals, auf der Station, auf der ich arbeitete, lebten viele Kinder mit Behinderungen, ein Großteil von ihnen mit Trisomie 21, dem Down-Syndrom. Sehr oft, wenn ich auf dieser Station Dienst hatte, kamen die Kinder zu mir gelaufen und riefen: „Tante, lass uns tanzen!“ Ich weiß, wie sie sich damals fühlten, mir ging es ja ähnlich: Wenn ich tanze, bin ich frei. Da ist alles andere egal.

Tanz ist so alt wie die Menschheit. Durch Tanzen drücken Menschen Zusammengehörigkeit aus, es fördert Muskelaufbau, Motorik, Koordination und Gleichgewichtssinn. Choreografien zu lernen, bildet Selbstbewusstsein und ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper. Bis ins 20. Jahrhundert war Tanz strengen Regeln unterworfen. Dann begann die Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen. Die starren Regeln des Balletts zum Beispiel wurden aufgebrochen, der Ausdruck gewann an Bedeutung und die Ästhetik trat zugunsten der Authentizität in den Hintergrund. Ein Wandel, der dem klassischen Tanz neue Welten öffnete.

Für Menschen mit Behinderungen blieben diese Welten lange verborgen. Weil ich spürte, wieviel Freude das Tanzen den Kindern machte, hatte ich die Idee, ein Theaterstück für sie zu schreiben. Das ist über 40 Jahre her. Ich fragte jedes Kind: Was willst du sein? Das eine sagte Prinzessin, das nächste Feuerwehrmann, und jedes bekam seine Rolle. Wichtig war mir, dass das Tanztheaterstück ohne Sprache funktionierte. Dass die Leute im Publikum denken: `Sie würden gern, aber sie können nicht!‘, wollte ich nicht. Sprechen war für viele der Mädchen und Buben ein Problem und ich konnte nachvollziehen, wie es ihnen ging. Ich bin nach meiner Heirat selber von Ungarn nach Wien gekommen, ohne Deutsch zu sprechen. In dieser Zeit fühlte ich mich in meiner Kommunikation genauso eingeschränkt. Was ich wollte, war diese ansteckende Freude auf die Bühne zu bringen. Ich wollte kein Mitleid erzeugen oder mit dem Tanzen therapieren, das war nicht der Sinn meiner Arbeit. Der Anspruch, den ich an mich und die Tänzerinnen und Tänzer stellte, war ein künstlerischer. Unseren ersten Auftritt hatten wir in Waidhofen an der Thaya im Waldviertel. Zu diesem Zeitpunkt war ich hochschwanger, mein Sohn Attila, der mit seiner Kollegin Hana vor zehn Jahren Ich bin O.K. übernommen hat, ist quasi der Zwillingsbruder des Vereins. Beide sind gleich alt. Wir tanzten vor rund 100 Leuten. Applaus bekamen wir am Ende von rund einem Drittel. Ein weiteres Drittel weinte, das dritte Drittel hatte den Saal lange vor der letzten Szene verlassen.

1984 hatten die Tänzerinnen und Tänzer des Vereins Ich bin O.K. einen Auftritt im Weißen Haus in Washington. 2001 eröffneten sie erstmals den Wiener Opernball. Mehrmals tanzten sie im Rahmen der Eröffnungs- bzw. Schlussveranstaltungen von Special Olympics und beim ImPulsTanz-Festival. Es gab und gibt Kooperationen mit der Ballettschule und dem Ballett der Wiener Staatsoper und viele internationale Auftritte. Jährlich absolvieren die verschiedenen Tanzgruppen etwa 30 Aufführungen und begeisterten dabei bisher rund 5000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Den Saal verlässt längst keiner mehr.

Vor 40 Jahren gestaltete sich das Leben von Menschen mit Behinderungen und von ihren Angehörigen anders als heute. Den Satz: „Wenn ich sterbe, nehme ich mein Kind mit“ hörte ich von verzweifelten Eltern, die nicht wussten, wer die Betreuung ihres Kindes nach ihrem Tod übernehmen sollte, nicht selten. Das ist heute Gott sei Dank anders. Ich bin O.K. war ein Pionierprojekt, in einer Zeit, in der Ausgrenzung und Isolation die gesellschaftlich akzeptierte Herangehensweise im Umgang mit Menschen mit Behinderung war. Als Frau – noch dazu als Ausländerin – wurde ich für meine Idee oft belächelt: Ich wollte Menschen mit Behinderung in das kulturelle Leben einbinden und durch künstlerische Tätigkeit gesellschaftliche Inklusion vorantreiben. Dabei wurden uns in den letzten vier Jahrzehnten oft Steine in den Weg gelegt, aber in Zusammenarbeit mit vielen engagierten Mitstreiterinnen und Mitarbeitern haben wir viel geschafft. Die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung – mit offensichtlicher Behinderung – ist in der Gesellschaft gewachsen. Während die medizinische Diagnose immer vom Defizit ausgeht, suchen wir nach verborgenen Talenten. Nach Fähigkeiten, die in den Menschen schlummern, die vielleicht ganz versteckt sind. Dass eine Beeinträchtigung eine Herausforderung darstellt, hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht geändert. Die Bedingungen sind leichter geworden, aber es ist trotzdem für Menschen mit Einschränkungen oft schwierig, ein würdevolles Leben zu führen. Und genauso schwierig erscheint es häufig, sie zu betreuen. Immerhin handelt es sich nicht um eine Krankheit. Das ist keine Grippe und meist auch nicht heilbar. Es ist eine lebenslange Aufgabe. Viele sehen mittlerweile, wie viel Potenzial in Menschen mit Behinderungen steckt. Welche Bereicherung sie für unsere Gesellschaft sind und wie viel wir Menschen ohne offensichtliche Behinderung im Gemeinsamen lernen können: Wir alle rennen immerzu. Bei Ich bin O.K. ist die Weltlangsam, sie dreht sich in einem anderen Rhythmus. Ich wiederum habe gelernt zu akzeptieren, wo bei anderen die Grenzen liegen, sie dennoch zu fordern, ihnen mehr zuzutrauen, als es der Instinkt im ersten Moment zulässt. Die Fehler, die beim Erlernen von Choreografien passieren, sind oft bereichernd und bringen uns auf Ideen, auf die wir sonst nicht gekommen wären. Und diese ehrliche Freude, die die Tänzerinnen und Tänzer beim Training oder bei Auftritten empfinden, ist in unserer Alltagswelt, in der es so stark um Oberflächlichkeiten und um das Einhalten gesellschaftlicher Normen geht, die viel zu selten hinterfragt werden, eine Wohltat. Unsere Tänzerinnen und Tänzer haben keine Berührungsängste, sie drücken ihre Emotionen ganz ursprünglich aus – und das, ohne lange darüber nachzudenken.

40 Jahre nach Gründung des Vereins lernen pro Jahr rund 110 Menschen im Alter ab sechs Jahren in wöchentlich neunzehn Kursen Tanzschritte. Das übergeordnete Ziel des Vereins: Barrieren im Umgang mit Menschen mit Behinderung abzubauen und einen Beitrag für ein gesellschaftliches Miteinander zu leisten. Im Vordergrund steht dabei die Absicht einer Bewusstseinsänderung – beim Publikum und bei den Tänzerinnen und Tänzern.

Was die Schülerinnen und Schüler bei Ich bin O.K. von uns lernen? Tanzschritte natürlich. Aber sie lernen auch, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen und zu tragen, und dass ein Team nur funktioniert, wenn jeder und jede Einzelne die Befindlichkeiten nicht über das Wohl der Gruppe stellt. Sie lernen Zusammenhalt und dass Aufgeben keine Option ist, dass „Zähne zusammenbeißen“ die beste Strategie ist, um ein Ziel zu erreichen. Auf der Bühne – wenn nach monatelangem Training hunderte Menschen zu ihnen hochblicken und am Ende begeistert applaudieren – erfahren die Tänzerinnen und Tänzer etwas, was ihnen im Alltag oft verwehrt bleibt: Die Männer und Frauen im Publikum nehmen sie auf Augenhöhe wahr. In ihrem Applaus liegt Anerkennung.


Aus „Ein Buch über das andere Tanzen“ von Horak/Mayr

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Der Fotograf Philipp Horak und die Grafikerin Marion Mayr sind Eltern zweier „Ich bin O.K.“-TänzerInnen und wollen mit diesem Buch den Verein feiern. Sie haben Menschen, die „Ich bin O.K.“ angehören, porträtiert und einen Rückblick auf inspirierende und bewegende Jahre geschaffen.

  • Mit vielen Fotos von Philipp Horak
  • Vorwort von Bundespräsident Alexander Van der Bellen
  • Interview mit Gründerin Katalin Zanin
  • Porträt des Vereins von Maria Dinold, Helga Neira Zugasty und Hana Zanin Pauknerová
  • Porträts der Mitglieder Mathias Mehrwald, Niklas Kern, Clara Horvath & Mike Brozek
  • Interview mit dem Tänzer, Tanzpädagogen und Choreographen Kirin España-Orozco
  • „Ich bin O.K.“-Chronologie

Erhältlich um EUR 35,– über den Verlag Hollinek (zuzüglich Versandkosten).


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