Interview mit Kirin España-Orozco

Verena Randolf über Kirin España-Orozco, freischaffender Tänzer und Choreograph.
Ich bin O.K.

„Du bist ein Mensch. Ich bin ein Mensch.“

Verena Randolf über Kirin España-Orozco, freischaffender Tänzer und Choreograph. Der 28-jährige Wiener mit guatemaltekischen Wurzeln arbeitet seit 2012 als Tänzer und Tanzpädagoge bei „Ich bin O.K.“


Kirin, wie alt warst du, als dir klar wurde, dass du Tanzen zu deinem Beruf machen willst?

Kirin (lacht). Ich habe meine Tanzausbildung erst mit 19 begonnen. Bis dahin hatte ich keinerlei Berührungspunkte damit, also auch keine Vorkenntnisse. Abgesehen von einem Break-Dance-Kurs, den ich mit 16 gemacht habe. Nach der Matura habe ich gekellnert und wusste nicht so recht, wohin ich beruflich wollte. Irgendwann bin ich auf die Idee gekommen, eine Tanzausbildung zu machen, habe mich beworben und mir nicht besonders hohe Chancen ausgerechnet. Von 30 Bewerbern wurden nur sieben oder acht pro Jahrgang genommen. Alle die da waren, hatten wesentlich mehr Erfahrung als ich, aber trotzdem hat es am Ende geklappt.

Was bedeutet das Tanzen für dich?

Tanzen ist Teil meines Lebens. Dass ich meinen Lebensunterhalt damit verdienen kann, macht mich glücklich, vor allem, weil der Weg bis dahin nicht ganz einfach war. Die Kombination aus Bewegung, Rhythmik und Musik … zu erleben, welche Bilder ich mit Bewegungen schaffen kann, das fasziniert mich. Tanzen ist eine Bereicherung meines Daseins, da es Ausdruck von so viel mehr sein kann, als nur Bewegung.

Wie bist du zu Ich bin O.K. gekommen?

Hana und Attila waren Dozenten an meiner Schule. Nach dem ersten Ausbildungsjahr haben sie mich gefragt, ob ich im Rahmen einer Produktion aushelfen will. Worum es genau geht, haben sie mir damals gar nicht gesagt, nur: „Komm vorbei und schau´s dir an.“ Das habe ich gemacht und es hat mir gefallen. Deswegen bin ich noch immer da (lacht).

Was war es, das dir gefallen hat?

Wenn du im kommerziellen Bereich tanzt, wirst du immer gewertet. Es wird relativ rasch ein Urteil über dich gefällt. Deswegen ist man tendenziell zurückhaltender. Bei Ich bin O.K. empfinde ich das nicht so. Hier habe ich das Gefühl, mit meiner Arbeit anderen Leuten etwas Gutes zu tun und das hat ja auch einen gewissen Eigennutz. Ich fühle mich gut nach den Kursen, meistens gehe ich mit einem Lächeln nach Hause. Was mir außerdem gefällt: Bei Ich bin O.K. erlebt man genau das, was die Welt hergibt: eine Vielfalt von Menschen.

Was unterscheidet die Herangehensweise, mit der du bei Ich bin O.K. Kurse gibst, von der Arbeit mit anderen Tänzerinnen und Tänzern?

Im Grunde gibt es keinen Unterschied, mein Konzept ist überall gleich: Ich entscheide je nach Stimmung im Saal, wie der Kurs verläuft. Viele Erklärmethoden, die bei Ich bin O.K. funktionieren, habe ich mittlerweile auch für andere Bereiche übernommen. Früher habe ich in erster Linie übers Vorzeigen erklärt. Mittlerweile versuche ich, mir selbst bewusst zu machen, welche Motorik hinter den einzelnen Bewegungen steht, um die Abläufe genauer begreiflich machen zu können.

Wie gehst du an die Entwicklung einer neuen Ich bin O.K.-Choreografie heran?

Ich habe Bilder in meinem Kopf und Vorstellungen, wie die Choreografie aussehen könnte. Einen Entwurf sozusagen. Anhand dessen, was mir die Performerinnen und Performer geben, adaptiere ich diese Bilder – es ist ein kreatives Geben und Nehmen. Ich lasse mich inspirieren und nutze den Input, um die finalen Elemente zu schaffen.

Inwiefern hat sich durch deine Arbeit bei Ich bin O.K. dein Blick auf Menschen mit Behinderung verändert?

Ich glaube, dass wir viel zu viel Aufruhr um Unterschiede machen, anstatt das alles realistisch zu betrachten: Du bist ein Mensch. Ich bin ein Mensch. Anstatt sich so sehr auf die Unterschiede zu konzentrieren, fände ich es spannender, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Vor allem sollten wir uns darüber bewusst werden, dass Andersartigkeit nichts Negatives ist, sondern etwas Normales. Eine Bereicherung. Und dass Schwäche ebenfalls eine Bereicherung sein kann. Wir wollen uns alle immer von unserer besten Seite zeigen, weil wir Angst haben, zu versagen oder uns zu blamieren. Wenn uns das davon abhält, Dinge zu probieren, die wir noch nicht können, bleiben uns viele Möglichkeiten verschlossen, die unser Leben vielleicht bereichern würden.

Was nimmst du aus deiner Erfahrung bei Ich bin O.K. für dich persönlich mit?

Ich weiß jetzt, wie ich den Shoulder Freeze (Anm: Bewegung beim Break Dance) verständlich erklären kann (lacht). Und auch wenn ich an sich ein geduldiger Mensch bin, habe ich gemerkt, dass ich mit mir selber oft zu ungeduldig war. Ich habe mir oft selbst Druck gemacht und mich gestresst. Das hat sich total geändert, weil ich mittlerweile gelernt habe, dass einfach alles seine Zeit braucht.


Aus „Ein Buch über das andere Tanzen“ von Horak/Mayr

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Der Fotograf Philipp Horak und die Grafikerin Marion Mayr sind Eltern zweier „Ich bin O.K.“-TänzerInnen und wollen mit diesem Buch den Verein feiern. Sie haben Menschen, die „Ich bin O.K.“ angehören, porträtiert und einen Rückblick auf inspirierende und bewegende Jahre geschaffen.

  • Mit vielen Fotos von Philipp Horak
  • Vorwort von Bundespräsident Alexander Van der Bellen
  • Interview mit Gründerin Katalin Zanin
  • Porträt des Vereins von Maria Dinold, Helga Neira Zugasty und Hana Zanin Pauknerová
  • Porträts der Mitglieder Mathias Mehrwald, Niklas Kern, Clara Horvath & Mike Brozek
  • Interview mit dem Tänzer, Tanzpädagogen und Choreographen Kirin España-Orozco
  • „Ich bin O.K.“-Chronologie

Erhältlich um EUR 35,– über den Verlag Hollinek (zuzüglich Versandkosten).


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