Studio, Company, Assists

Maria Dinold, Helga Neira Zugasty und Hana Zanin Pauknerová über „Ich bin O.K.“
Ich bin O.K.

Gleiche Chancen, gleiche Würde

Maria Dinold, Helga Neira Zugasty und Hana Zanin Pauknerová über „Ich bin O.K.“

Aus „Ein Buch über das andere Tanzen“ von Horak/Mayr

Seit vier Jahrzehnten eint unseren Verein folgendes Selbstverständnis: Jede Person hat Fähigkeiten, die sich mit entsprechender Förderung entfalten können. Bewegung, Tanz, körperlicher Ausdruck und Schauspiel sind als Mittel bestens geeignet, um die individuelle Entwicklung eines Menschen zu unterstützen. Auf körperlicher Ebene wie auf persönlicher.

2006 verabschiedeten die Vereinten Nationen das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit besonderen Bedürfnissen: Die Behindertenrechtskonvention, die die uneingeschränkte Teilnahme behinderter Menschen an allen Aktivitäten möglich machen sollte. Gleichbehandlung und full participation, auch im persönlichen, künstlerischen Ausdruck durch Tanz, wurde im Kultur- und Bildungsverein Ich bin O.K. seit jeher als Prinzip anerkannt und umgesetzt. Für uns ist es eine permanente Herausforderung, den Inklusionsprozess sowohl in der Arbeit in den einzelnen Gruppen nach innen, als auch in der öffentlichen Kunstszene nach außen zu tragen. Damit dies gelingt, braucht es viel Feingefühl. Die große Akzeptanz, die uns entgegengebracht wird, schafft aber genau jenen Kraftmotor, der uns Mut zu weiteren Schritten macht. Nach wie vor geht es uns um gleiche Chancen. Es geht uns um gleiche Würde für Menschen mit Lernschwierigkeiten und Mehrfachbehinderungen und um deren Anerkennung in der öffentlichen Kunstszene. Unser Ziel ist es, allen Menschen die kulturelle Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.

Dies geschieht im Verein auf unterschiedlichen Ebenen. Im Wesentlichen achten wir in unserer Arbeit darauf, das tänzerische Potenzial des Einzelnen zu stärken und zugleich die Gruppe in ihrer individuellen Zusammensetzung durch Choreografien zu festigen.

Nach 40 Jahren ist es nach wie vor der besondere Auftrag des Vereins, den inklusiven Ansatz der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderung in der Kunstszene lebendig zu halten und weiterzuentwickeln. Damit wollen wir, entgegen der zunehmend in die Besonderung drängenden Bildungspolitik, beweisen, dass ein wertschätzendes Miteinander von Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten Sinn macht.

Im Jahr 2009 übernahmen Attila Zanin und Hana Zanin Pauknerová Ich bin O.K. als künstlerische und organisatorische Leiter. Die Einstellung zur tanzpädagogischen Arbeit, die durch Vereinsgründerin Prof. Dr. Katalin Zanin geprägt wurde, wird auch von der Nachfolgegeneration lebendig gehalten. Ein großes Team von ausgebildeten Tanzpädagoginnen und Tanzpädagogen, Choreografinnen und Choreografen, Expertinnen und Experten und zahlreichen Freiwilligen, die die Gruppen begleiten, sowie das Organisations- und Verwaltungsteam im Hintergrund, bilden das Herz des Vereins. Helga Neira Zugasty aus den Bereichen der rhythmisch-musikalische Erziehung, Inklusions- und Heilpädagogik sowie Dr. Maria Dinold aus dem Bereich der inklusiven Sport- und Tanzpädagogik beraten unser Team und entwickelten einen Rahmen zur pädagogischen Begleitung für Teilnehmerinnen und Teilnehmer und Pädagoginnen und Pädagogen. Sabine Pannik, MSc und Mag. Helmut Syrch bringen Wissen zum Thema Marketing und Finanzen ein, der erfahrene Journalist Werner Schuster unterstützt uns in der Öffentlichkeitsarbeit.

Die Tätigkeiten des Vereins konzentrieren sich auf drei Arbeitsbereiche:

  • Das Tanzstudio
  • Die „Dance Company“-Produktionen
  • Die Dance Assists

Tanzstudio

Der Schwerpunkt des Tanzstudios liegt auf künstlerisch-tänzerischem Training im Sinne einer nachhaltigen tänzerischen Bildung. Wer tanzen will, darf tanzen. Vorkenntnisse spielen keine Rolle. Einzige Voraussetzung: Die Tänzerinnen und Tänzer sollen sich in der Gruppe integrieren können. Wer sie braucht, bekommt Unterstützung. Alle unsere Tänzerinnen und Tänzer sammeln ihre ersten Tanzerfahrungen in Studiogruppen. Die kleinsten Mitglieder erwerben die Basiskompetenzen im Beisein einer Bezugsperson.

Soziale Kompetenzen und selbständiges Handeln entwickeln sich im Laufe des Trainings in kleinen Schritten: In der ersten Phase imitieren die Tänzerinnen und Tänzer ihre Begleitperson. Das Kind ist meist auf sich selbst bezogen und lernt durch die vertraute Begleitperson nach und nach die Regeln der Gruppe.

Der nächste Schritt führt von der spontanen Bewegung in gezielte Bewegungssteuerung: Aufgaben sollen umgesetzt werden, die Tänzerinnen und Tänzer lernen, sich als Mitglied einer Gruppe in den Ablauf einzugliedern und Ausdauer und Toleranz zu entwickeln. Dabei stellen sich zunehmend Richtungen heraus, in die sich die jungen Leute entwickeln: Manche tendieren zu Modern Dance, andere zu Hip-Hop-Tanz, Musical Dance, Breakdance oder Kreativ-Tanz.

Die jeweiligen Tanzstile werden in unterschiedlichen Gruppen unterrichtet: Pro Jahr führt der Verein zwischen 16 und 20 Studiogruppen. Jede Gruppe erarbeitet ihr eigenes Repertoire, mit dem sie jedes zweite Jahr im Rahmen einer vereinsübergreifenden Gesamtproduktion Auftritte bestreitet: Hana Zanin Pauknerová, die künstlerische Leiterin des Studios, entwickelt gemeinsam mit den Tanzpädagoginnen und Tanzpädagogen, den Schülerinnen und Schülern bzw. den Studierenden von anderen (künstlerischen) Ausbildungsstätten ein abendfüllendes Stück, in dem auch Gesang, Schauspiel, Live Musik und Videokunst als Ausdrucksmittel eingesetzt werden.

Seit 2009 wirkten jeweils rund 110 Tänzerinnen und Tänzern mit Behinderung und 30 bis 40 ohne Behinderung mit. Im selben Zeitraum gab es folgende Tanztheater-Produktionen im Theater Akzent in Wien: 2010 „Das Tanzende Haus“, 2011 „Welt / er / schöpfung“, 2012 „Der Zauberer von O.K.“, 2013 „Ost Side Story“, 2015 “Aladins Erkenntnis”, 2017 “Übern Zaun schau’n”, 2019 war es das Stück „Flötenzauber“.

Für die Kleinen tut sich auf der Bühne oft zum ersten Mal eine Welt der Fantasie auf, die sie über sich hinauswachsen lässt und zu einem großen Ansporn wird. Die Älteren, die sich zunehmend ihres Könnens bewusst werden, wünschen sich nach den Auftritten oft mehr Herausforderungen, mehr technische Qualifizierung und schlicht: mehr Auftritte. Das Gefühl, sinngebender Teil des Gesamtstücks zu sein, die Gemeinschaft und die Würde, die sie erfahren, auch wenn ihre Fähigkeiten nicht immer gleich verlässlich abrufbar sind, schätzen die Tänzerinnen und Tänzer sehr.

Für jene Akteure, denen Tanzen mehr ist als Freizeitbeschäftigung, nämlich Berufung, gibt es Intensivklassen, in denen komplexere Ansprüche bezüglich Kombinationen, Tempo und Kreativität gestellt werden. Voraussetzungen, die für ein Mitwirken an Company- Produktionen gebraucht werden.

„Dance Company“-Produktionen

2010 entwickelte die Vereinsleitung die Idee, für fortgeschrittene Mitglieder ein anspruchsvolleres Setting gemeinsam mit Profis aus den Bereichen Tanz, Choreografie und Regie zu erarbeiten. In der aktuellen Produktionsphase leitet Attila Zanin diese Company-Produktionen. Die Kriterien dafür erfordern viel mehr als zeitliches Investment und konsequente Trainingsarbeit. Die körperlichen, darstellerischen und individuellen Fähigkeiten der Tänzerinnen und Tänzer sollen vertieft werden, unter anderem über das Bewusstsein und die Freude an ständigem Lernen.

Für jede neue Produktion können sich Tänzerinnen und Tänzer aus den Intensivklassen in einem Auswahlverfahren für Rollenbesetzungen qualifizieren. Für die Tanzenden der Company-Produktionen fallen Trainings und Aufführungen oft auf Wochenenden oder in die Urlaubszeit. Es gibt Tage, an denen in der Vorbereitungsphase bis zu sechs Stunden pro Tag trainiert wird. Ein Aufwand, der sich trotz allem lohnt: Die Wertschätzung, die unsere Akteure in unterschiedlicher Weise erfahren, motiviert sie immer wieder von neuem. Alternierend zu den Studioproduktionen gab es bisher folgende Company Auftritte:

2010 „Moha in Dir“, 2012 „3 Geschichten über Freundschaft”, 2014 „Getrennt – Vereint”, 2016 „Kein Stück Liebe“, 2017 gemeinsam mit dem Ballettensemble der Wiener Staatsoper Eröffnung der Special Olympics World Winter Games, ab 2018 Eröffnung des Wiener Opernballs durch das erste Tanzpaar mit Down-Syndrom (und weitere Eröffnungspaare in den Folgejahren), 2018 „Pal, mein Bruder“, ab 2016 Teilnahme an Wettbewerben bei internationalen inklusiven Tanzfestivals (VIBE Wien und in Moskau) sowie ab 2018 an den nationalen und internationalen Special Olympics Spielen in der Disziplin Tanz.

Dance Assists

Im Jahr 2016 eröffnete sich auf Initiative von Helga Neira Zugasty und durch die Unterstützung des Sozialministeriums eine weitere Option für unsere fortgeschrittenen Tänzerinnen und Tänzer in Richtung berufliches Engagement: Wir konnten nach der Entwicklung eines geeigneten Curriculums 10 junge Tänzerinnen und Tänzer zu Dance Assists ausbilden.

Sie absolvierten wöchentlich 10 Unterrichtsstunden zusätzlich zu ihrer Arbeit und ihren Verpflichtungen als Company Tänzerinnen und Tänzer. Der Fächerkanon deckte gleichermaßen Theorie und Praxis ab: Die Tänzerinnen und Tänzer lernten die praktische Vermittlung der Grundelemente von Modern Dance, Hip-Hop Tanz und Break-Dance. Und sie erlangten theoretische Grundkenntnisse zu den drei Tanztechniken sowie zu Körper und Gesundheit.

Mit diesem Pilotprojekt, das auch im Rahmen einer Diplomarbeit wissenschaftlich evaluiert wurde, leistet der Verein am Kunstsektor einen wichtigen Beitrag zur UN-Behindertenrechtskonvention. Zwei Dance Assists arbeiten mittlerweile in einer Anstellung von jeweils 5 Wochenstunden.

Auch in Zukunft sollen der Stellenwert und die gesellschaftliche Akzeptanz unserer Art von Tanzkunst und -pädagogik gesteigert werden. Wir sind davon überzeugt, dass gegenseitige Toleranz und Akzeptanz nicht nur zu einem gemeinschaftlicheren Miteinander in unserer Gesellschaft führt, sondern auch zu gegenseitiger Bereicherung, die nur durch die Anerkennung unterschiedlicher Fähigkeiten erreicht werden kann.


Aus „Ein Buch über das andere Tanzen“ von Horak/Mayr

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Der Fotograf Philipp Horak und die Grafikerin Marion Mayr sind Eltern zweier „Ich bin O.K.“-TänzerInnen und wollen mit diesem Buch den Verein feiern. Sie haben Menschen, die „Ich bin O.K.“ angehören, porträtiert und einen Rückblick auf inspirierende und bewegende Jahre geschaffen.

  • Mit vielen Fotos von Philipp Horak
  • Vorwort von Bundespräsident Alexander Van der Bellen
  • Interview mit Gründerin Katalin Zanin
  • Porträt des Vereins von Maria Dinold, Helga Neira Zugasty und Hana Zanin Pauknerová
  • Porträts der Mitglieder Mathias Mehrwald, Niklas Kern, Clara Horvath & Mike Brozek
  • Interview mit dem Tänzer, Tanzpädagogen und Choreographen Kirin España-Orozco
  • „Ich bin O.K.“-Chronologie

Erhältlich um EUR 35,– über den Verlag Hollinek (zuzüglich Versandkosten).


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